Veranstaltungsbericht: Martin Dornis im Subversiv

An dieser Stelle sollen in Zukunft kurze Berichte über die einzelnen Vorträge und besonders interessante Diskussionsverläufe nachlesbar sein. Wir hoffen, allen die keine Zeit hatten bei der Veranstaltung vorbei zu schauen, damit zumindest einen Eindruck von dem Abend vermitteln zu können. Die kompletten Vorträge werden später hier als Soundbeträge erscheinen.

Veranstaltung am 04.02, mit Martin Dornis aus Leipzig im Subversiv

Die erste Abendveranstaltung im Rahmen der Reihe „Antisemitismus und Krise“ war mit 40 Gästen sehr gut besucht.
Der frei referierte Vortrag „Möglichkeit, Wirklichkeit und Permanenz der Krise – Von der gewaltförmigen Vergleichung zum Massenwahn“ dauerte ca. eine Stunde.
Die ausführliche Einführung in das Thema widmete sich der „aktuellen Krise 2008/09″. Der Referent stellte auf Grundlage der marxschen Grundkategorien dar, wie es zu einer „Überakkumulationskrise“ kommen kann und kritisierte die gängigen „individualistischen und privatistischen Deutungen“ der Krise als „verstellte Kritik“. Die Öffentlichkeit hatte schnell die „verantwortungslosen US-Banken“ als Hauptschuldige für die Krise ausgemacht. Als Ursache für die Krise werden dieser Logik folgend „konsumsüchtige Bürger“ und „Spekulanten“ benannt. Die verschiedenen Lösungsmodelle waren technokratischer und administrativer Natur (G-20 Treffen vereinbarte u.a. stärkere Kontrollen der Finanzmärkte) und sehen eine Stärkung des staatlichen Einflusses vor. Der Referent konstatierte eine gewisse Schnittmenge linker und bürgerlicher Lösungvorschläge, da alle Vorschläge eint konkrete, zwar unter gegensetzlichen Vorzeichen, Schuldige identifizieren zu können. Die Neoliberalen die sogenannten „Sozialschmarotzer“ die Linken die sogenannten „Spekulanten“.
Im weiteren Verlauf stellte Martin Dornis enen historischen Überblick materialistischer Krisentheorien vor.
Ausgangspunkt war erneut Karl Marx mit seiner Krisentheorie. Die Möglichkeit der Krise ist in der Warenförmigkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse und dem Warentausch prinzipiell angelegt, und wird zur Wirklichkeit wenn sich das Kapital nicht mehr verwerten kann, so Marx. Er ging fälschlicher Weise davon aus, dass Krisen auch die Chance auf eine gesellschaftliche Umwälzung darstellen würden. Die Große Depression von 1873-79 widerlegte seine Hoffnung. Vielmehr etablierte sich in der Folgezeit ein „autoritärer Kapitalismus“, welcher einerseits durch die „Vermassung“ der Gesellschaft – es entstanden „proletarische autoritäre Massenverbände“ (Gewerkschaften) und große Kapitalvereinigungen – und die „Naturalisierung und Irrationalisierung“ der Gesellschaft gekennzeichnet war. Hiermit sind die – vor allem in Deutschland im Ende des 19.Jahrhunderts sich schnell gesamtgesellschaftlich etablierenden – Basisideologien des Kapitalismus gemeint. Nationalismus, Rassismus, Sexismus und Antisemitismus als notwendig falsches Bewußtsein der kapitalistischen Gesellschaft sind in Abgrenzung zu der Ideologie der „liberalen Glücksversprechungen“ zu betrachten, welche wiederum in Abgrenzung zur vormodernen, knechthaftigen personalen Herrschaft davon ausgingen, dass die vermittelte Herrschaft und die Versachlichung der Produktionsverhältnisse im Kapitalismus, „die Herrschaft der Produktion“ Wohlstand und Glück für alle Menschen bringen würde. Die „Rückständigkeit Deutschlands“ bei der Etablierung der „liberalen Ideologie“ wurden am Ende des 19 Jahrhunderts in Zeiten des „autoritären Kapitalismus zum Vorteil Deutschlands gegenüber den anderen Nationen“, so der Referent.
Der letzte analytische Teil widmete sich der „Kritik der politichen Ökonomie des Nationalsozialismus“, welche die Deutsche Lösung der Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929 darstellt. Hierfür erläuterte Martin Dornis die Ansätze verschiedener Theoretiker wie Langerhans, Pollock, Neumann und Horkheimer. Ausgehend von Max Horkheimers Theorem der „Hypostasierung (Dauerzustand) der Krise“ im NS, schloss sich der Referent dem Verständnis des Frankfurter Instituts für Sozialforschung an, die ausgesprochene und praktische Vernichtung der Juden und Jüdinnen als gesellschaftlichen Zusammenhalt im NS, als ein „Produktionsverhältnis des Todes“ zu beschreiben. Nicht der Antisemitismus entspringe der Gesellschaft, sondern die nationalsozialistische Volksgemeinschaft erkläre sich aus dem Antisemitismus.
Perspektivisch formulierte Martin Dornis sehr verhaltene Schritte. Ihm erscheinen weder eine Affirmation des Liberalismus, noch eine Reform der bestehenden Verhätnisse für gangbare wege und eine Revolution als realitätsfern.
Er plädiert für die „eingreifende Kritik“, welche eine strikte Trennung von „theoretischer Kritik“ und „verstellter Praxis“ vorsieht. Außerdem müsse die Berücksichtigung der „deutschen Spezifk“ und seiner Adepten Weltweit Teil einer allgemeinen Kapitalismuskritik sein.